Jiří Dědeček

JIŘÍ DĚDEČEK

Liedermacher, Dichter, Prosaist und Übersetzer (geb. 13.2.1953, Karlovy Vary)

Nach dem Gymnasiumabschluss in Prag (1968-71) und zwei Semester an der Fakultät für Sozialwissenschaften und Publizistik an der Karls-Universität (1971-1972) studierte Dědeček an der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität Bibliothekswissenschaft (abgeschlossen 1976 mit der Arbeit Gesellschaftliche Rolle der Science-Fiction-Literatur). Sein Studium Drehbuch und Dramaturgie an der prager Film- und Fernsehfakultät der Akademie der musischen Künste (1982-1987) beendete er mit der Abschlussarbeit Jazyk scénaristy Jiřího Brdečky (Schreibweise des Drehbuchautors Jiří Brdečka).

Nach einjährigem Wehrdienst arbeitete er freiberuflich als Dolmetscher aus der französischen und russischen Sprache im Prager Fremdenverkehrsamt (1977-1983). 2006 wurde er zum Vorsitz des tschechischen PEN-Zentrums gewählt.

In den Jahren 1978 – 86 präsentierte er zusammen mit Jan Burian sein eigenes Kabarettprogramm auf kleinen prager Bühnen (z.B. Ateliér, Rubín, Junior klub na Chmelnici) und unternahm Touren in Studentenclubs durch die ganze Republik. Als Samisdat wurde 1981-85 sein Liederband Výběr z textů (Liedertextesammlung) (Kvasar, sv.2,1986)

herausgegeben. Nach 1989 publizierte er in der Zeitschrift Tvar (1991 Série Otevřená psaní z Dijonu – Serie Offene Briefe aus Dijon), in der Volkszeitung Lidové noviny, in der Kulturzeitschrift  Lettre internationale, in Divadelní noviny (Theaterzeitung), Hospodářské noviny (Wirtschaftszeitung),

Pražské noviny (Prager Zeitung) und auf verschiedenen Internet-Portalen. Gelegentlich arbeitet er mit dem Tschechischen Fernsehen zusammen (regelmäßige Diskussions-Sendung Host do domu, Zyklus Cizí slovo Poezie) und mit einigen Rundfungsendern. Für den Tschechischen Rundfunk bereitete er unter anderem die Sendungen Písničky po francouzsku (Lieder auf Französisch) und Odrhovačky po kapkách (Gassenhauer tropfenweise) vor, für die tschechische Radiosendungen von Radio Free Europe und BBCschrieb er Feuilletons. Verschiedenen Interpreten lieferte er Liedertexte für CD’s, aber auch Textübersetzungen von Jacques Brel, Edith Piaf oder Boris Vian. In gleicher Weise beteiligte er sich an einigen Theaterinszenation (u.a. Kabarett Vian – Cami im Theater  Divadlo v Dlouhé, 1997; Sólo pro tři im Theater Národní divadlo, 2007).

Durch eindeutigen Ausdruck und epigrammatische Kürze

knüpft Dědeček mit seinen Gedichten und vor allem Texten ganz bewusst an die Poetik von František Gellner, oft stilisiert sich seine Dichtkunst in eine aggressive Provokation des traditionellen Zuhörerempfinden.  Der Grundgedanke ist die Geste des Aufstandes gegen  routinemäßige zwischenmenschliche Beziehungen, verkommene Ethik des Konsumlebens und Dominanz von Stumpfsinnigkeit der Gesellschaft, nicht nur vor November 1989. In satirischen Pamphleten und ironischen Balladen, besonders in seinen ersten Songtexten (gesammelt im Buch Blues pro slušný lidi – Blues für anständige Menschen) nutzt Dědeček Übertreibung bis hin zum absurden schwarzen Humor, Persiflage, überspitzte Pointe, unsinnige Poesie, Slang. Für seine Gedichte und Lieder ist eine Spannung zwischen „hoch“ und „nieder“ charakteristisch, zwischen Pathos und Zerstörung, durch rationellen Abstand und Oszillationen zwischen protzig betonten Zynismus und Beklommenheit.  Die gereimte Form bewegt sich von einfach gereimter Weise zum Sonett, dessen lexikale, syntaktische und morphologische Überholtheit im Gegensatz zur aktuellen Thematik steht (Sonette) ; in manchen Fällen gelangt der Autor zu umfangreichen komponierten  Stücken (Můj vůz – Mein Wagen).

Das Spiel mit der Sprache, kritische Reflexion und ironische Eigenreflexion zeigen sich auch im Oběžník (Rundschreiben),

einem Kaleidoskop prosaischer Fragmente, welche die Atmosphäre der zweiten Hälfte der 60. Jahre hervorrufen.  In den Fragmenten von Geschichten, Überlegungen und Versen, in denen sich die intime und gesellschaftliche Ebene, das Erwachen der pubertären Sexualität und die politischen Veränderungen  zusammenfügen, ist eine gewisse Verwandschaft mit den Liedertexten von Dědeček unübersehbar. Sarkastische Analyse der Realität und groteske Übertreibung führen zur Thematisierung der Peinlichkeit als  Zeichen  des Selbstbewusstseins und Erkenntnis des wahren Standes der Dinge in der Gesellschaft. Ähnlich geht der Autor auch in manchen mehr oder weniger Zeitfeuilletons (Sammlungen Projevy a stati und Bát se a krást / Reden und Artikel und Fürchten und Stehlen) vor. Erlebte Erkenntnis der Endlichkeit des Menschenlebens ist Ausgangsebene für die Sammlung Věci po mrtvých (Nachlass von Verstorbenen), die einige typische Zeichen der Poetik des Autors beinhaltet, doch die bisher charakteristische Stylisation tritt in den Hintergrund: zynische Maske und spöttischer Abstand, mit deren Hilfe man erfolgreich dem falschen, aber auch natürlichen Pathos der traurigen Seiten menschlicher Existenz stand halten kann, sind bei der Konfrontation mit dem Tod der Falschheit und der Nutzlosigkeit selbst überführt.

An das Motiv, späte Wegsuche zu vertrauten Verstorbenen, dieser Gedichtsammlung knüpft ein zierlicher Roman Snídaně se psem (Frühstück mit dem Hund) an. Lebensschicksale der Personen, welche sich in, durch politische und gesellschaftliche Situation des kommunistischen Regims, vorgegebenen Bedingugen abspielen, bieten ein Bild der vorwiegenden zeitgemäßen, oft generationsbedingten Wertmaßstäbe und der eingeschränkten Möglichkeiten sowie Lebenserfahrungen des Menschen und der Gesellschaft.

Der Autor jedoch bildet weder eine Karikatur, noch fällt er leichtfertige Urteile: wie auch immer auch hier entsagt er sich nicht von Humor und Ironie, ihn interessiert vielmehr das Handlungsmotiv der Personen, in der sowohl öffentlichen  als auch intimen Sphäre. Aus einer anderen Sicht kann man den Roman  als einen Bericht über den schwierigen Versuch, Generationskonflikt zwischen Vater und Sohn zu überwinden, auffassen.

Sprachliche Invention und unkonventionelle Reime des Autors zeigen eine dominierende Qualität seiner Kinderverse (Šli červotoči do houslí, Uleželé želé).

Im April 2006 wurde Dědeček zum ersten mal zum Vorsitz des tschechischen PEN-Zentrums gewählt, im April 2009 wurde seine Wahl erneut für die zweite Funktionsperiode bestätigt.

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Sportkarriere:

In den 70. Jahren war Dědeček Nachwuchsmeister der ČSSR im Einer-Rudern.

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Politik:

Als Ende 2006 die zweite Regierung von Mirek Topolánek zusammenstellte wurde, sollte Dědeček zum Kultusminister ernannt werden für SZ (Partei der Grünen); doch im letzten Moment forderte die Partei KDU-ČSL dieses Amt und gab dafür den Ministerposten für Bildung frei, welchen Dana Kuchtová unverzüglich annahm.

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Werk von Jiří Dědeček

– Snídaně se psem (Torst, 2008) Roman

– Bát se a nekrást (Galén, 2005) – Feuilletons

– Uleželé želé (Albatros, 2005)

– Uže tridcat’ let dělajú gadosti (Už třicet let škodím,

  nakladatelství O. Krylova, 2005)

– Veselé diktáty (Albatros, 2002)

– Blues pro slušný lidi (Academia, Praha 2002)

– Český jazyk pro 9. ročník (Alter, 2001) – Unterrichtstexte

– Šli červotoči do houslí (Albatros, 2001)

– Věci po mrtvých (Torts, 2001)

– Můj vůz (Maťa, Praha 1999)

– Tři hry – zusammen mit Jan Burian (Panton, 1993)

– Projevy, stati a jiné kydy (Aurum, 1993)

– Repezentant lůzy (Sixty-Eight Publishers, Toronto 1992;

  Orbis, Praha 1994)

– Defilé (Středočeské nakladatelství a knihkupectví,

  Praha, 1990)

– Znělky (Čs. spisovatel, Praha, 1990)

– Oběžník (PmD, Mnichov 1989; Středočeské nakladatelství

  a knihkupectví, Praha 1990)

– Měsíc nad sídlištěm (Středočeské nakladatelství

  a knihkupectví, Praha 1987)

– Co se stalo v ZOO (Albatros, 1987) – Malbuch mit Bildern  von Miroslav Barták

– Texty – zusammen mit Jan Burian (Český fonoklub  Jonáš, 1983)

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Übersetzungen

– Georges Brassens: Klejme píseň dokola (Panton, 1988)

   Liedertexte

– Jean-Claude Carriére: Vyprávět příběh (Národní filmový

   archiv 1993), zusammen mit Tereza Brdečková

– Bernard Émond: Ulice Darling ve 20.17 (Garamond, 2006)

Frage des 20. Jubiläumsjahrgangs des Festivals: Was bedeutet für mich Gesangsdichtung?

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Gesangdichtung bedeutet für mich 43 Lebensjahre. Seit 1974 sichere ich damit praktisch meinen Lebensunterhalt, mal besser, mal schlechter. Ursprünglich wollte ich zu Hause sitzen und schreiben oder Bücher übersetzen, auf Vorschusszahlungen warten und nur mit dem Hund mal hinausgehen. Aber für einen solchen Lebensstil habe ich mir nicht die richtige Zeit ausgesucht, kein Verleger wie Borový lebte mehr, er wurde durch die kommunistische Zensur ersetzt und die konnte meine Texte nicht gutheißen. Auf Anraten meines Freundes Burian wählte ich anstelle von gedruckter Poesie die gesungene und blieb ihr bislang treu.

Ich singe in der Öffentlichkeit, was ich zu Hause geschrieben habe. Diese Art von Publikation hat einen großen Vorteil, nämlich die sofortige Rückmeldung. Obwohl heute Bücher frei herausgegeben werden können, bleibe ich bei der gesungenen Poesie gerade wegen dieses direkten Kontakts mit dem Leser-Zuhörer. Und auch deswegen, weil ich nichts Besseres kann.  JD