VOM SAMMELBAND DES LITERARISCHEN SYMPOSIUMS LITERARISCHES FRANZENSBAD 2018

ZÁCHRANNÁ VESTA HUMORU/RETTUNGSWESTE DES HUMORS

(Literární Františkovy Lázně, z.s., ed. Alena Vávrová, Františkovy Lázně 2018)

 

Humor wurde dem Sammelband bereits bei seiner Geburt in die Wiege gelegt: entgegen allen Erwartungen erschien er noch vor Beginn des Symposiums, und zwar zweisprachig!

Man könnte logischerweise voraussetzen, die Herausgabe des gelb strahlenden Büchleins, das sich bereits vor Eröffnung der Veranstaltung auf den Tischen der Symposium-Teilnehmer befand, müsse sich durch die Übersetzungen verspäten. Zeigen Sie mir, bitte, einen vergleichbaren Fall! Und zeigen Sie mir, bitte, einen vergleichbaren Sammelband zu anderen Symposien, welcher derart großzügig illustriert ist, in dem man nicht nur seriöse Konferenzbeiträge findet, sondern auch eine Reihe von Gedichten (Vávrová, Hucl, Koryta) und Aforismen (Kalamár, Slíva). Der Sammelband soll offensichtlich kein bloßes Dokument darstellen sondern durch und durch ein Literatur- und Kunsterlebnis vermitteln.

Es ist nicht einfach, in Forschungsbeiträgen geradezu vor Humor zu strotzen. Das heißt also, dass entweder die Beiträge nicht immer “seriös” sind, oder man wird mit humorvollen Illustrationen daran erinnert, dass es beim Lesen nicht um endloses Lachen geht, sondern um Wahrnehmung, wie Lachen entsteht. Als erfahrener Komödien-Autor beschreibt der deutsche Schriftsteller Rolf Stemmle in seinem Beitrag Humor – eine Gratwanderung (S. 143) die Regeln des Sprachspiels, das ein Lachen auslöst ohne in peinliches Unverständnis zu  verfallen. Humor kann offensichtlich nur dann entstehen, wenn er auf dem engen Pfad weder zu sehr auf der rechten Seite, die sich Ernst nennt, noch zu sehr auf der linken, die sich Klamauk nennt, wandert.

Doch bereits am Anfang des Bandes kann man geradewegs ins Grab stürzen. Gleich mehrere Beiträge sind dem Humor von Franz Kafka gewidmet, im Sammelband findet man Kafkorismen (S.27). Auch in etlichen entzückenden Karikaturen von Jiří Slíva trifft man auf Kafka. Ein Essay erzählt über Kafkas konkrete humorvolle Geschichten (S. 63). So konfrontiert der Autor des Gedichtes Grab (S. 17) seine angeblich “nach Franz Kafka” geschriebenen Verse mit Kafkas authentischen Texten. Man wird den Eindruck nicht los, dass sein außergewöhnlicher Humor, so wie ihn Rudiš interpretiert, eher als Klischee über Kafkas mutmaßliche Abwendung von der Welt dargestellt wurde und obendrein fernab von Stemmles schmalen Bergpfad.

Warum dieses düstere und pathetische Gedicht jenem Schriftsteller zuschreiben, der am liebsten die greifbare Welt beobachtete und sie auf eine erfrischende und intensive Weise zu beschreiben wusste? “In die Arme schloß” er allenfalls seine Beklommenheit –    sie half ihm, die Welt intensiv wahrzunehmen. Humor entsteht nicht infolge von Glück, sondern im Kampf gegen das böse Schicksal, wie Stanislav Kubín in seinem Beitrag über Humor von Horníček (S. 81) deutlich macht.

Roswitha Schieb erwähnt im Beitrag Franzensbad, jenen Kurort, in dem das Symposium statt fand und wo auch Schriftsteller weilten. Unter anderem schildert sie bildhaft die Geschichte des Kurortes aus der Sicht von Jan Neruda und der mährisch-östereichischen Schriftstellerin Marie Ebner-Eschenbach. Wer hätte gedacht, dass Graffiti schon anfangs des 19. Jahrhunderts entstanden und auf den hölzernen Badewannen des Moorbades regelrecht aufblühten!

Im Sammelband werden natürlich Beiträge von bekannten Humor-Autoren präsentiert. Im Essay von Patrik Linhart (S. 96) oder Ondrej Kalmár (S. 54) findet man eine Auswahl unserer berühmtesten Komiker und Kabaretisten. Darüber hinaus wird Humor  bei Dichtern und Schriftstellern nachgewiesen, bei denen er eigentlich kaum zu erwarten wäre. Von Kafka war hier schon die Rede, aber z.B. Martin Reiner geht es um die Poesie von Ivan Blatný,  dargestellt mit wertvollen konkreten Beispielen und deren Analysen. Monika Zgustová befasst sich mit Humor in den Werken von Bohumil Hrabal (S. 153). Sicherlich steht Jára da Cimrman souverän im Vordergrund, dessen dermaßen humorvoller Beitrag (ed. Alena Vávrová! S. 134 nn) als einziger nicht übersetzt werden konnte. Hier zeigt sich deutlich, dass eine bestimmte Art von Humor – in einer einzigen Sprachgemeinschaft fest verankert – fast unübersetzbar ist, obwohl anderseits Ondrej Kalamár mit seiner Behauptung “Humor und Lachen sind eine einheitliche Weltsprache” nicht Unrecht hat (S. 55).

Jedoch wie Sabine Dittrich in der Causerie Mein Leben mit der Fahne des Festivals (S. 59 n.) ankündigt: das diesjährige Festival Literarisches Franzensbad verabschiedet sich nun. Die Schriftstellerin gibt die  Fahne an einen anderen Schriftsteller weiter und wahrscheinlich ist im nächsten Jahr ein Sammelband zu erwarten. Womöglich trifft er wieder im gleichen Eiltempo ein wie in diesem Jahr. Es sieht ganz danach aus, dass die Seele des Literaturfestes, Alena Vávrová, sich schon  ins Zeug legt..

 

 

VěK